Kategorien
Spiritual Hermannova

Exkursion: Spiritual Hermannova (1)

In Nordneukölln ist aufgrund der historisch gewachsenen Dichte von Friedhöfen am alten Stadtrand, aber auch durch Migrationen aus der ganzen Welt eine außergewöhnlich hohe Dichte unterschiedlichster spiritueller Orte und Praktiken anzutreffen. Kirchen, Moscheen, Tempel und Friedhöfe sind in der symbolic landscape als repräsentative Gebäude gut sichtbar. Unsere Exkursion hat sich zu drei solcher Orte in der Hermannova aufgemacht. Teil 1 eines Exkursionsberichts.

Am Freitag, den 10. Dezember habe ich mit einer kleinen Gruppe aus insgesamt vier Personen eine kleine Exkursion in die Hermannova unternommen: neben mir waren das Paula Seidel, Doktorandin am Centre Marc Bloch, die sich mit Intellectual History rund um den serbischen Publizisten Milan Ćurčin beschäftigt; Ida Richter, Doktorandin am Selma Stern Zentrum, die zum Thema Ereignis- und Erinnerungsgeschichte des Holocaust arbeitet; sowie Denis Ljuljanović, der vor kurzem im Fach Geschichte in Gießen promoviert hat und sich unter anderem mit interkonfessionellen Beziehungen auf dem osmanischen Balkan und der modernen politischen und sozialen Geschichte des Balkans befasst. Paula und Ida waren Teilnehmerinnen der International Doctoral School Border studies at intersections of subject boundaries, die das Centre Marc Bloch Berlin (CMB) und die Humboldt-Universität (HU) zu Berlin veranstaltet haben, und die den eigentlichen Rahmen für die Exkursion bildete.

Professor Christian Voß vom Institut für Slawistik und Hungarologie der HU, der das Projekt Hermannova gut kennt — gewissermaßen ist die Idee im Nachgang einer seiner soziolinguistischen Veranstaltungen in Montenegro entstanden — hatte mich eingeladen, eine von drei Exkursionen der Doctoral School zu führen. Weil das Projekt Hermannova aufgrund mangelnder Förderung seit einiger Zeit stagniert, bot diese Exkursion auch für mich selbst einen mehr als willkommenen Anlass, nach all den frustrierenden Absagen des Jahres 2021 gegen Jahresende noch einmal mit neuem Schwung Anlauf zu nehmen: Ich war offen gestanden scharf auf Feedback, und außerdem wollte ich selbst eine neue Seite der Hermannova kennenlernen — nämlich die völlig umgekrempelte Genezarethkirche am Herrfurthplatz, die mich schon seit Monaten reizt und mir außerdem wärmstens empfohlen wurde. Zur Genezarethkirche und unsere Gastgeberin, Pfarrerin Anja Seibert-Bright, komme ich im zweiten Blogpost noch ausführlich zurück. In diesem ersten Teil sollte ich noch einmal erläutern, warum wir auf dieser Exkursion ausgerechnet spirituelle Orte besucht haben, und wie dies im Gesamtansatz des Forschungsprojekts Hermannova verankert ist.

Religiöse Orte und Begräbnisstätten stellen wichtige Anlaufstellen für die Erkundung spiritueller Differenz und Gemeinschaft dar: Hier und anderswo gehen Menschen ihren spirituellen Grundbedürfnissen nach, die einerseits an und für sich bedeutungsvoll sind: ob Trauer und Trost, „Teil eines größeren Ganzen sein“, unbewältigte Kontingenz, Meditation oder Solidarität und Gemeinschaft. Andererseits werden spirituelle Respräsentationen durch neopopulistische Instrumentalisierung sowie überkommene Modernisierungsdiskurse oft als Domäne illiberaler Akteure wahrgenommen und ausgeblendet.

Zunächst will ich noch einmal auf die englische Skizze des Gesamtprojekts hinweisen, die ich als Vorbereitung für die Gruppe gepostet hatte. Wie dort zu lesen ist, ist das Projekt grundsätzlich auf zwei Forschungsgebiete aufgeteilt — was theoretisch übrigens auch noch um weitere Settings erweiterbar wäre, sofern ich nicht allein an dem Projekt arbeiten werde: einerseits das ländliche, bosnische Tal der Krivaja, wo ich die sozialen (und auch historischen) Dynamiken einer sogenannten erprobten Differenzgemeinschaft erforschen und dokumentieren will. Hier geht es nicht nur um Verstehen, sondern gleichermaßen um Dokumentieren: durch massenhafte Emigration in die EU, Überalterung, Armut, Effekte der Modernisierung sowie des anhaltenden Nachkriegs werden darüber bald immer weniger Menschen zu berichten wissen; viele der traditionellen Praktiken wurden von meinen Gesprächspartner:innen zwar noch selbst ausgeübt, existieren heute aber nur noch als erinnerte Praxis. Dieser Teil des Projekts stand natürlich nicht im Mittelpunkt der Exkursion am Freitag — sondern der zweite soziale Raum: Nordneukölln rund um die Hermannstraße, wovon ich auch den Titel Hermannova abgeleitet habe. Die folgende Karte zeigt das nicht scharf abzugrenzende Gebiet der Hermannova, das in das restliche Berlin ausgreift:

Bildquelle: OpenStreetMap

Da ich mich für geschichtliche, soziale, soziolinguistische, spirituelle (inklusive künstlerische) und interspezifische (d.h. naturräumliche, Spezies-zu-Spezies, Mensch-zu-Umwelt, Meta-Katastrophe Klima) Aspekte interessiere, habe ich diese Kategorien als Sammelbecken für das Material angelegt, das ich in beiden Gebieten über einen Mehr-Methoden-Ansatz zusammentrage. Am Ende des Gesamtprozesses der Grounded Theory möchte ich so zu meinen Ergebnissen und Antworten auf die Leitfragen über das Zusammenleben in Differenzgemeinschaften gelangen. Die dazu zu formulierenden, Community orientierten Lösungs- und Policyvorschläge werden naturgemäß höchst unterschiedlich ausfallen: beim superdiversen, urbanen Berliner Stadtquartier und der traditionellen, ruralen und erprobten Differenzgemeinschaft im Krivajatal handelt es sich um zwei sehr verschiedene geographische, soziale, sprachliche, historische und ökonomische Kontexte. Dennoch können diese durch den Ansatz einer vergleichbaren Betrachtung der Sphären, in denen sich soziale Dynamik ortsunabhängig entfaltet, parallel zu einander betrachtet und schließlich in Beziehung gesetzt werden. 

Grounded Theory (…) ist ein sozialwissenschaftlicher Ansatz zur systematischen Sammlung und Auswertung vor allem qualitativer Daten (Interviewtranskripte, Beobachtungsprotokolle) mit dem Ziel der Theoriegenerierung.(…) Sie stellt dabei keine einzelne Methode dar, sondern eine Reihe ineinandergreifender Verfahren. Oft wird die Grounded Theory als eine Methodologie der qualitativen Sozialforschung bezeichnet. Es handelt sich dabei um einen Forschungsstil, welcher eine pragmatische Handlungstheorie mit bestimmten Verfahrensvorgaben kombiniert. Dieses Verfahren basiert auf der Theorie des Symbolischen Interaktionismus. Ziel ist es, eine realitätsnahe Theorie zu entwickeln, um diese für die Praxis anwendbar zu machen und insofern die Theorie-Praxis-Schere zu mindern. Grundlegendes Erkenntnisinteresse ist nicht die Rekonstruktion subjektiver Sichtweisen, sondern es sollen ihnen zugrundeliegende (soziale) Phänomene sichtbar gemacht werden.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Grounded_Theory

Durch diesen Ansatz will ich zwei Grundannahmen nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch und methodisch berücksichtigen. Erstens messen Stadtsoziologie und Urban Studies (wo sich das Projekt teilweise verortet), hauptsächlich dem urbanen Raum selbst Bedeutung zu. Dadurch läuft der ländliche Raum jedoch Gefahr, vernachlässigt zu werden. Gerade unter den sich ständig verschärfenden Bedingungen der Meta-Katastrophe des Klimawandels wäre es jedoch nicht ausreichend, sich z.B. auf die innere Dynamik einer Stadt oder Megacity (wozu ich in Istanbul gearbeitet habe [1] [2] ) zu begrenzen, ohne dabei existenzielle Fragen wie die ihrer Wasser- oder Lebensmittelversorgung (u.v.m.) zu berücksichtigen. Es versteht sich von selbst, dass diese Fragen ohne Berücksichtigung des ländlichen Raums nicht ansatzweise klärbar wären: wenn wir etwa über Klimawandel und Dürre in Berlin sprechen, sprechen wir immer auch von der Dürre und den Wassersytemen in Brandenburg, wie der wochenlange Waldbrandgeruch des Sommers 2018 mehr als deutlich gemacht hat.

Außerdem haben mir viele Gespräche in Neukölln gezeigt, dass sehr enge Verbindungen der Bewohner:innen zu ihren Herkunftsorten bestehen, die oft in ländlichen Räumen innerhalb und/oder außerhalb Deutschlands liegen (was auch für mich selbst gilt): Familiensysteme und die für sie relevanten politischen und sozialen Institutionen erstrecken sich sehr oft über Grenzen hinweg — und zwar oft nicht immer zu ihrem Vorteil, wie ich in einem Blogpost über mein eigenes Familiensystem während der Pandemie skizziert habe (Familie im Lockdown). Wie in der Migrationsforschung breit thematisiert wird, unterhalten sich ländlicher und urbaner, metropolitane und periphäre Räume wechselseitig, durch unterschiedlichste Formen der Mobilität und Transferzahlungen. Es wäre also allenfalls ein positivistischer Verzerrungseffekt der Modernisierungsdiskurse aus dem 19. und 20. Jahrhundert — da die Stadt für Fortschritt, das Land für Rückständigkeit standen — urbanen und ländlichen Raum strikt getrennt voneinander betrachten zu wollen: beide sind schließlich engstens miteinander verwoben.

[In diesem Sinn wäre es wünschenswert, das Projekt Hermannova auch um ein weiteres Setting aus dem umliegenden, ruralen Raum Brandenburgs zu erweitern. Dies halte ich momentan jedoch nur für möglich, wenn sich eine Fördermöglichkeit findet, die mehr als eine Person (mich) berücksichtigt.]

Zweitens und damit direkt verbunden, kann der Ansatz der Multi-sited Ethnography, wie ihn u.a. der amerikanische Anthropologe George Marcus vorschlägt, ganz praktisch dabei helfen, den Effekten der Globalisierung Rechnung zu tragen. Anstatt Globalisierung verwende ich jedoch den Begriff der Kosmopolitisierung, den ich Ulrich Becks jahrzehntelanger soziologischer Arbeit entleihe. Kosmopolitisierung im Sinne Becks sollte übrigens auf gar keinen Fall mit dem verbrämten Begriff des Cosmopolitanism verwechselt werden, was oberflächliche Leser:innen Becks jedoch leider immer wieder tun und mit einer falsch platzierten Kritik verbinden. Wie Beck in seinem letzten und unvollständig gebliebenen Buch The Metamorphosis of the World (2015, auf Deutsch als Die Metamorphose der Welt erschienen) betont, befinden sich alle unsere Annahmen über „das richtige“ gesellschaftspolitische Organisationsmodell aus der westlich dominierten Nachkriegsepoche des 20. Jahrhunderts in Metamorphose. Dies betrifft nicht nur den Nationalstaat, sondern geht bis hinein in das Modell der Kernfamilie der europäischen Industriemoderne, die für viele Menschen längst keine Realität mehr darstellt. Diese Metamorphose habe unter anderem die Europäische Industriemoderne, besonders über das exponentielle Wachstum sogenannten Fortschritts und Risikoproduktion, irreversibel selbst eingeleitet. 

Da die nun eingetretene „Zweite Moderne“ das gesamte System der Erde als Habitat der Menschheit betreffe — Stichwort: anthropogene Klimakatastrophe — sei es deshalb dringend notwendig, eine normative, reflexive, Zweite Moderne zu gestalten; Ungleichheiten und völlig unterschiedliche Grade der Auswirkungen auf reiche und arme Gemeinschaften sind dabei natürlich inbegriffen. Diesen Prozess bezeichnet Ulrich Beck als Kosmopolitisierung: die ganze Welt ist zu einer Polis geworden, und dieser Herausforderung müssten sich insbesondere Sozialwissenschaftler:innen stellen, deren Arbeit besonders in der Entwicklung passender Begriffe liege, nachdem das bestehende Begriffsrepertoire überaltert sei. Schon vor über 20 Jahren stellte Beck in einem anhaltend relevanten Befund fest:  

Im Übrigen ist dies Wörtchen post der Blindenstab der Intellektuellen. Sie fragen nur, was nicht der Fall ist, und sagen nicht, was der Fall ist. Wir leben im Zeitalter des Postismus, des Jenseitismus und des Nachismus. Alles ist post, ist jenseits und ist nach. Es handelt sich dabei um eine halbe Diagnose, die lediglich feststellt, dass wir die alte Begrifflichkeit nicht mehr benutzen können. Darin verbirgt sich intellektuelle Faulheit und in gewisser Weise auch intellektuelle Unredlichkeit und Unaufrichtigkeit, denn die Aufgabe des Intellektuellen ist es, Begriffe zu entwickeln, mit deren Hilfe sich Gesellschaft und Politik neu definieren und organisieren können.

Quelle: Beck, Ulrich (Hg.)(2000): Freiheit oder Kapitalismus: Gesellschaft neu denken. Ulrich Beck im Gespräch mit Johannes Willms. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 23-24.

Aus der Kosmopolitisierung gehe auch die Notwendigkeit der Normativen Kosmopolitisierung hervor: also Policies zu entwickeln, die in anderen Denkarbeiten als glokal oder Glokalismus bezeichnet werden. Lösungen sollten schon im Ansatz immer gleichzeitig global und lokal gedacht werden. Dadurch kann auch im Sinne einer interspezifisch erweiterten Human Security oder Menschlichen Sicherheit unser Verständnis von Sicherheit und Sicherheitspolitik in Zukunft anders als im nationalstaatlichen Paradigma gedacht werden; vielleicht wäre diese Sicherheit mit interspezifischer Sicherheit beim Namen zu nennen. Im Gegensatz zu traditionellen Sicherheitskonzepten, die stets dem von Beck (u.a.) kritisierten, methodologischen Nationalimus als Sicherheit des Nationalstaats verpflichtet bleiben, kann die Perspektive auf eine gleichzeitig kleinere (lokale) und weitere (grenzüberschreitende) Dimension gerichtet werden. Unter Grenzen wären nicht nur territoriale, sondern auch inter-spezifische Grenzen vorzustellen, die in den naturwissenschaftlichen Abgrenzungen der sogenannten Regna ihren Ausdruck finden (Regnum Animalia, Regna Plantae, Regnum Fungi etc.). Aus den so zum Ausdruck kommenden, flacheren, für viele Menschen (und Nicht-Menschen) realeren Netzwerkstrukturen können neue Formen des Wissens und der Praxis entstehen.    

Der Preis der konsumierten Schokolade (des Kaffees, des Tees, etc.) ist ein bekanntes Beispiel für die „glokale“ Verwobenheit und wird auch von Verfechter:innen des Human Security-Ansatzes immer wieder thematisiert. Hier fordert eine Ausstellungswand in der Neuköllner Genezarethkirche faire Schokoladenpreise. Bildquelle: eigene Aufnahme, Dezember 2021.

Mit diesem Anspruch habe ich auch die Menü-Struktur meiner Forschungshomepage gegliedert, die zugleich Kategorien und Schlagworte sind. Diese sollen dabei helfen, das zusammengetragene Material am Ende in einem synoptischen Schritt auszuwerten. Für Bosnien wie für Berlin gibt es folgende fünf Kategorien, die ich an dieser Stelle nur für Berlin exemplifiziere und erläutere.

Historical Hermannova

Hier geht es um die historische Gewordenheit des Quartiers, das schon seit seiner Gründung von Migration und Diversität (also Differenz) geprägt ist. Die Bedeutung des historischen Prozesses, ob als longue durée oder relativ kurzer Zeitspanne, ist mir als Historiker sowie durch meine Arbeit in zwei Istanbuler Stadtbezirken bewusst. Historisches Verständnis kann helfen, auch jüngste Neuköllner Dynamiken wie den Prozess der Aufwertung oder Gentrifizierung zu begreifen — auch wenn sie auf den ersten Blick etwas völlig neues darzustellen scheinen.

Social Hermannova

Die prozessuale Sozialstruktur der superdiversen Kieze der Hermannova soll in Einzelgesprächen mit Bewohner:innen und ihrer Alltagspraxis erkundet werden, aber auch anhand der Institutionen, Treffpunkte und Arbeitgeber:innen, wie des größten deutschen Jobcenters, Nachbarschaftsinitiativen, Start-ups, Spätis, Gastronomiebetrieben, etc.

Linguistic Hermannova

Die sprachlichen Repräsentationen in der linguistic landscape (sowie der symbolic landscape) Neuköllns können als wichtige primäre Informationsquellen über das Zusammenleben in der Differenzgemeinschaft dienen, da sie bei vertiefter Betrachtung aufschlussreich sein können über Prestige und Prestigelosigkeit — und somit Anerkennung und Ausschluss — unterschiedlicher Sprachgemeinschaften: z.B. gilt Englisch vielen bidlungsorientierten Menschen und Arbeitgeber:innen als prestigeträchtiger im Vergleich zu den bereits seit längerem in der Hermannova verbreiteten und gesprochenen Sprachen Türkisch, Arabisch, Polnisch oder Russisch — was mit Ab- und Aufwertungsprozessen einhergehen kann. Eine aus zeitlicher Perspektive seit mehreren Generationen etablierte Türkisch- und Deutschsprecherin kann so (im Sinne Elias‘ und Johnson’s Etablierte und Außenseiter) durch Neuankömmlinge, die Englisch, aber nicht Türkisch oder Deutsch sprechen, auch unbeabsichtigt in die Rolle einer Außenseiterin gedrängt werden, was neue soziale Spannungen erzeugen kann.

Spiritual Hermannova

In der Hermannova ist sowohl aufgrund der historisch gewachsenen Dichte von Bestattungsorten am alten Stadtrand, als auch durch Migrationen aus der ganzen Welt eine außergewöhnlich hohe Dichte spiritueller Orte und Praktiken zu beobachten. Orte wie Kirchen, Moscheen, Tempel und Friedhöfe sind in der symbolic landscape auch als repräsentative Gebäude sichtbar und stellen wichtige Anlaufstellen für die Erkundung spiritueller Differenz (sowie Gemeinschaft) dar. Hier und anderswo gehen Menschen ihren spirituellen Grundbedürfnissen nach, die einerseits an und für sich von großer Bedeutung sind; andererseits aber werden sie durch neopopulistische Instrumentalisierung und überkommene Modernisierungsdiskurse oft als Domäne illiberaler Akteure wahrgenommen und ausgeblendet.

Interspecific Hermannova

Die interspezifischen, zusammen zu begreifenden Interessen menschlicher und nicht-menschlicher Natur liegen durch das Tempelhofer Feld, die Hasenheide und weiterer Flächen in der Hermannova besonders eng bei einander. Hier ist es gar nicht ungewöhnlich, auch tagsüber Füchse, Falken, Krähen, Eichhörnchen, Hunde, Schafe und andere nicht-menschliche Bewohner:innen anzutreffen — von den Pflanzen und Gärten ganz zu schweigen. Politische Auseinandersetzungen, Konzepte und Initiativen — ob Veganismus, die jüngste Fahrrad- und Verkehrswende auf der Hermannstraße, die Initiativen Tempelhofer Feld, Transformation Haus & Feld, die Gemeinschaftsgärten von Allmende-Kontor e.V. etc. — sind hier stark vertreten und produzieren ständig neues Wissen.

Wie diese Übersicht zeigt, ist die Spiritual Hermannova nur ein Teil des Projekts. Ich habe während der Vorbereitung der Exkursion entschieden, diesen Aspekt zu fokussieren, weil die spirituellen Orte als symbolische Landmarken in Gestalt von Gebäuden sichtbar und besichtigbar sind; während unserer zeitlich begrenzten Exkursion waren das die Genezarethkirche am Herrfurthplatz, die Martyriumsmoschee am Columbiadamm und der Sri-Ganesha-Hindu-Tempel an der Hasenheide. Natürlich wäre auch eine Erkundung der anderen, oben aufgeführten Bereiche möglich gewesen, doch es hatte sich grimmiges Winterwetter mit Schneefall und Frost angekündigt. Deshalb bot die Genezarethkirche mit ihrem offenen, einladenden und warmen Innenraum (sowie durch die Gastfreundschaft des Kirchenkreises Neukölln) eine bessere Wahl als etwa die linguistic landscape auf Außenwänden oder eine Erkundung der Parks der Hermannova.  

Abschließend zu diesem ersten Blogpost möchte ich zum Thema der zeitgenössischen Wissensproduktion und -Kommunikation noch etwas festhalten. Ich bin davon überzeugt, dass heute und in weiterer Zukunft Forschungsprojekte, die sich mit Fragen politischer und gesellschaftlicher Gemeinwesen beschäftigen, auf gar keinen Fall mehr ausschließlich still und heimlich im abgetrennten Kämmerlein geschrieben werden sollten. Natürlich trifft dieser überspitzte Narrativ vom akademischen Elfenbeinturm, truth be said, auf die allerwenigsten Forschungsarbeiten zu: diese werden in Kolloquien, auf Workshops, in Doktorand:innenschulen, auf Konferenzen und zunehmend auch in Publikationen während des Forschungsprozesses besprochen und diskutiert. Dennoch dringen die Inhalte und das Wissen aus laufender Forschung selten über die Grenzen der wissenschaftlichen Communities und ihrer sprachlichen Eigenheiten hinaus. 

Aus der etwas altertümlichen Furcht um den Originalitätsverlust wird oft davor zurückgescheut, den laufenden Forschungsprozess zu exponieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich nicht-affirmierte Forscher:innen, die dies anders handhaben wollen, oft mit Schwierigkeiten konfrontiert sehen, in den jeweiligen Promotions- oder Prüfungsordnungen zu verlässlicher Auskunft zu gelangen: was, wenn ich das tolle Foto dann nicht mehr verwenden darf, weil es bereits als publiziert gilt? Darf ich eine Feldnotiz bloggen, die ich gerne später im Dissertationstext ausbauen würde? Ich denke, dass hier in den Forschungsabteilungen der Universitäten und in den Kultusministerien Reformen nötig sind, damit es nicht zu einer künstlichen und wenig produktiven Verknappung von Wissen kommt.

Wir sind kommunikationstechnologisch so weit fortgeschritten, dass wir problemlos auf mehreren Ebenen der Wissensproduktion und des Wissensaustauschs arbeiten können. Wir können zum Beispiel einen Forschungsblog oder auch Online Netzwerke nutzen, um auch sogenannte „niedrigschwellige Inhalte“ herzustellen und zu kommunizieren. Dadurch können viel weitere Kreise einbezogen werden — und zwar ohne, dass die Qualität in irgendeiner Form leiden muss. Denn die Monographie kann und soll es natürlich weiterhin zur Vertiefung und Theoriebildung geben. Neue Formen der Kommunikation können aber einen sehr fruchtbaren Prozess der mehrschichtigen Wissensproduktion in Gang setzen, der nicht nur daraus besteht, Wissen von Wissenschaftler:innen an Wissenschftler:innen — und nur im Ausnahmefall an Nicht-Wissenschaftler:innen zu kommunizieren. Schließlich kommt das Wissen in den meisten Fällen nicht von den Wissenschaftler:innen — sondern aus der weiteren Umwelt und sozialen Praxis; die Rolle von Wissenschaftler:innen besteht vielmehr darin, dieses Wissen aufzubereiten und zu vermitteln.

Screenshot vom Instagram Profil hermannova2030
Neu angelegtes Twitter Profil Hermannova (@hermannova2030)

Als einfaches Beispiel für einen neuen, erweiterten — und wenn man so will: multidirektionalen Kommunikationsprozess — könnte vielleicht der Hashtag #Hermannova einer Plattform wie Instagram funktionieren: es wäre denkbar, dass sich dieser über die Wissenschaftscommunity hinaus verbreitet und genutzt wird, um Schnappschüsse (z.B. der linguistic landscape) oder ähnliche Beiträge zur Verfügung zu stellen, aus denen wiederum Blogposts entstehen könnten. Diese Blogposts müssen nicht den wissenschaftlichen, sprachlichen Standards und Konventionen entsprechen, und ebensowenig müssen sie den Autor:innen „enteignet“ werden. Sie können von einer breiteren Öffentlichkeit, auch in unterschiedlichen Sprachen, gelesen und kommuniziert werden. Sie können andererseits wiederum wissenschaftliche Artikel und Ideen unterfüttern und hervorbringen. Ich selbst habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass ich eigene Blogposts zu wissenschaftlichen Artikeln überarbeitet habe — bzw. gerade dabei bin, einen Blogpost über die linguistic landscape Belgrads zu einem Artikel zu vertiefen und zu überarbeiten. Da es meines Wissens keine allgemein anerkannten, standardisierten Methodologien zu diesem hier nur knapp (und unvollständig) skizzierten Prozess des Science Blogging und Open Research gibt, ist das Projekt Hermannova auch experimentell und dadurch (hoffentlich) innovativ.    

Im nächsten Blogpost folgen weitere Bilder der besuchten Orte, sowie einige zentrale Eindrücke aus den Gesprächen in der Genezarethkirche und von unterwegs, zum Hermannplatz — dem nördlichen Eckpunkt der Hermannova, wo sich die Gruppe zerstreute.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.