Dieser Teilbereich des Forschungsprojekts konzentriert sich auf das Tal der Krivaja zwischen den Gebirgszügen Konjuh, Zvijezda und Tajan im engeren Sinn und auf Bosnien-Herzegowina im größeren Kontext. Im Zentrum stehen die Beziehungen der Bewohner des Tals und der umliegenden Gebirge, die durch ihre Multiethnizität zusammengenommen als erprobte Differenzgemeinschaft verstanden werden. Das Interesse gilt aber einer größeren Assemblage der mehr-als-menschlichen Beziehungen rund um den naturbelassenen, aber existenziell bedrohten Wildfluss.

Geographie
(Spatial Bosnia)

Während Bosnien-Herzegowina zu jugoslawischen Zeiten oft als »Jugoslawien im Kleinen« galt, kann das Tal der Krivaja durch seine historische Gewordenheit und soziale Komposition auch als Ausschnitt ganz Bosniens gesehen werden. Der zirka 74 Kilometer lange Fluss, der alle Gemeinschaften verbindet, entsteht in Olovo aus Stupčanica und Bioštica und mündet in Zavidovići in die Bosna.

Geschichte
(Historical Bosnia)

Im Krivaja-Tal erzählt die Stillegung der Bahnlinie Zavidovići – Olovo – Han Pijesak – Kusače aus österreichisch-ungarischer Zeit im Jahr 1970 von einer weitgehend abgelegenen Geschichte, die lange Zeit viele Besonderheiten und soziale Dynamiken konservieren konnte. Erst Anfang der 1990-er Jahre wurde die Straße durch das Tal auf gesamter Länge befestigt, vergleichsweise spät setzten hier Elektrifizierung, Telefonanschluss oder Schulpflicht für Alle ein.

Soziales
(Social Bosnia)

Bis in die 1990er Jahre und im Oberlauf weit darüber hinaus ist das soziale Leben durch die Koexistenz dreier großer ethnischer Gruppen sowie einiger weiterer kleiner Gruppen geprägt. Dabei spielten Praktiken der Abgrenzung und der Verbindungen Rollen, die heute durch den sozialen Wandel drohen, in Vergessenheit zu geraten. Ein direktes Abbild des Fortwirkens traditioneller Praktiken, die auch die umfassende Modernisierung der SFRJ-Periode überdauert haben, findet sich z.B. in den Landbesitzverhältnissen.

Sprache
(Linguistic Bosnia)

Zwei soziale Grundaxiome sozialer Dynamik bilden sich in BiH bis heute sprachlich ab: erstens, die konfliktreiche Figuration städtische »Raja« versus Dörfler (»Seljaci«), und zweitens, die Figuration der »unseren Leute« (naši ljudi) als endogame, konfessionell-religiös begrenzte Gemeinschaften. Diese und andere Figurationen bilden sich auch im Sprachgebrauch ab. In der soziolinguistischen Forschung zu Bosnien-Herzegowina stehen bis heute urbane Kontexte und ihre Besonderheiten im Vordergrund, während im vorliegenden Kontext nach sprachlichen Strategien, Konflikten und Praktiken eines ruralen Kontexts gefragt wird.

Spiritualität
(Spiritual Bosnia)

Wie u.a. der katholische Walfahrtsort Olovo mit dem ältesten Marienheiligtum BiHs, seinen sunnitisch-muslimischen Moscheen und der serbisch-orthodoxen Kirche abbildet, werden im Einzugsgebiet der Krivaja bis heute unterschiedliche spirituelle Praktiken gelebt. Dabei ist heute immer weniger Menschen bekannt, dass es neben den auch räumlich abgegrenzten Glaubensgemeinschaften früher Orte und Praktiken gab, welche die Unterschiede überbrücken konnten. Auf den Spuren bosnischer Hybridität und Drittheit (H. Bhabha) stehen neben der Walfahrt in Olovo Friedhöfe, die Geschichte einer verschwundenen Tekke und die Praxis der transkonfessionellen Patenschaften (kumstvo) im Zentrum.

Interspezifische Beziehungen
(Interspecific Bosnia)

Die Menschen an der Krivaja leben seit Menschengedenken mit der Krivaja: einem naturbelassenen Wildfluss, gleichzeitig einer der letzten Refugien des Huchen in Europa. Bis in jüngster Zeit haben mehr-als-menschliche Beziehungen kaum Aufmerksamkeit geweckt, doch seit den mittleren 2000er Jahren ist das Refugium durch extraktive Projekte existenziell bedroht. Nachdem der geplante Bau von acht Staudämmen erfolgreich abgewehrt werden konnte, bedroht heute der Chromabbau am Zufluss Tribija den Mittel- und Unterlauf des Flusses zu zerstören. Initiativen wie „Krivaja heißt Leben“ (Krivaja je život) stellen sich dem entgegen und mobilisieren auch die Diasporen, in denen heute ein großer Teil der Bevölkerung des Tals lebt.